Freitag, 24. Juni 2011

„Ich bin angekommen in der Liga“

Von unserem Redaktionsmitglied Gisbert Niederführ

So schnell kann’s gehen. Im vergangenen Jahr noch musste Marco Fritz Hohn und Spott über sich ergehen lassen, weil er ein Phantomtor anerkannt hatte. Jetzt ist er in der Rangliste des Kicker-Sportmagazins notenbester Schiedsrichter der Fußball-Bundesliga. Trotzdem musste er einmal den Platz unter ziemlich widrigen Umständen verlassen.

In St. Pauli war’s, und Marco Fritz (33) hatte Publikumsliebling Gerald Asamoah vom Platz gesellt. Weil’s gleichzeitig noch Elfmeter gab und St. Pauli gegen Frankfurt mit 1:3 verlor, war die Stimmung im Millerntor-Stadion nicht nur eine – wie immer – besondere, „das Stadion hat gekocht“, erinnert sich Fritz. St.-Pauli-Trainer Holger Stanislawski gab dem Korber die Schuld an der Niederlage, und so „musste ich das erste Mal den Platz mit Regenschirmen verlassen“.Fritz erzählt die Geschichte so unaufgeregt, wie er das immer tut. Auch nach dem Phantomtor von Duisburg, wie es die Bildzeitung damals genannt hatte, war er zwar kurz abgetaucht, stand aber danach zu seinem Fehler. Ohne seinen Linienrichter in die Pfanne zu hauen, der ihm den ganzen Schlamassel eingebrockt hatte.Lob für die Helfer an der LinieVor den Assistenten zieht er ohnehin den Hut. „So wenig Fehler, wie die in dieser Saison gemacht haben, das ist der Wahnsinn.“ Dabei wird das Spiel immer schneller. Die Trefferquote bei Abseitsentscheidungen allerdings sei „überragend“. Die Assistenten „machen einen Riesenjob“.Fritz ist froh, „dass ich in der Mitte des Platzes stehen kann, und nichts mehr mit diesen 1000stel-Sekundenentscheidungen zu tun habe“. Als Zweitligaschiedsrichter wurde er noch zusätzlich in der ersten Liga an der Linie eingesetzt. In Liga eins gilt nur noch die komplette Spezialisierung.13 Spiele hat er in der obersten deutschen Spielklasse in der Saison 2010/11 geleitet. „Mit so viel habe ich gar nicht gerechnet“, sagt er. Dass es nun aber in der kommenden Spielzeit noch mehr werden, sei daraus nicht abzuleiten. Genauso wenig, dass durch das gute Ergebnis internationale Einsätze warten. „Ich kann das nicht beeinflussen“, sagt Fritz. Der DFB habe zehn FIFA-Plätze. „Und die sind belegt.“Das Kicker-Sportmagazin listet ihn mit einer Durchschnittsnote von 2,92 als besten der 22 Bundesligareferees auf. Fritz wusste davon nichts. „Ich habe im Urlaub die ersten SMS mit Glückwünschen bekommen. Da musste ich dann erst mal fragen: Glückwünsche zu was?“Die Benotung durch das Sportmagazin gefällt ihm zwar, ausschlaggebend aber sei die Beurteilung durch die DFB-Schiedsrichterkommission. Die ersten Rückmeldungen seien auch hier gut gewesen. Wie’s im Detail aussieht, erfährt er beim Lehrgang am Monatsende.Fritz selbst ist mit sich zufrieden. „Ich habe das Gefühl, ich bin angekommen in der Liga.“ Man merke das auch im Umgang mit den Spielern. „Die wissen jetzt, wie ich reagiere.“ Durchaus anders als noch zu Beginn. Er habe sich weiterentwickelt im Bereich der Spielführung. „Man muss nicht gleich ein Gelbe Karte zeigen, man kann auch viel mit der Persönlichkeit lösen.“ Als Neuling neige man eher zum Griff in die Tasche.Wo gibt es noch Optimierungspotenzial?Dennoch gibt es immer noch Details, die verbessert werden können. Sein persönlicher Coach – für ihn ist Lutz Michael Fröhlich zuständig – bespricht das mit ihm. Fritz: „Er sieht sich alle Spiele von mir an und schaut die Entwicklung an. Sind’s immer die gleichen Fehler, die ich mache. Was mache ich besonders gut? Wo sieht er Optimierungspotenzial?“Und wo sieht Fritz das für sich selbst? „Bei Themen wie Körpersprache und taktischem Verhalten.“ Zwei Bereiche, in denen er auf dem Platz sofort Rückmeldungen bekommt. „War die Ermahnung nicht überzeugend genug ausgesprochen, kommt sofort das Echo des Spielers.“Der Korber, der für den SV Breuningsweiler pfeift, war wohl in seiner zweiten Bundesligasaison überzeugend genug. Nur einmal Rot und zweimal Gelb-Rot zückte er in Liga eins.13 Erstliga- und sieben Zweitligaeinsätze hatte er in der Saison 2010/11. Dennoch schaut er oft auch noch bei Amateurspielen vorbei; beobachtet den Schiedsrichternachwuchs und besucht den Coaching-Kader des WFV. „Da hilft’s, wenn ich die Jungs und Mädels vorher schon mal habe pfeifen sehen.“Apropos Mädels. Am Sonntag beginnt die Frauenfußball-WM. Da schaut er doch bestimmt alle Spiele an, oder? „Ich glaube“, sagt er, „ich beschränke mich auf die der deutsche Mannschaft.“Offenbart kein großer Frauenfußballfan, der Herr Fritz. Dabei hat er („Ich habe früher mal drei oder vier Spiele gepfiffen“) gute Erfahrungen mit den Fußballerinnen gemacht. „Die haben die Emotionen dem Schiedsrichter gegenüber mehr im Griff und beschränken sich auf ihr Spiel.“Und Schirme brauchen sie auch nur, wenn’s wirklich regnet.